„Nur ein Prinz kann erwachen“

(Dieser Auszug beträgt etwa 1/3 des Umfangs des Original-Artikels.)
Quelle: Auszug aus: advaitaJournal Vol.5, Herbst/Winter 2001, "Nur ein Prinz kann erwachen", Seite 11, zu beziehen über advaitaMedia GmbH (order@advaitamedia.com oder www.advaitamedia.com)



F: Was ist  ”Innere Arbeit”?

OM:
Die Erforschung der Innenwelten.

F: Wozu ist das nötig?

OM: Um der grundlegenden Veräußerlichung des denkenden Geistes zu begegnen und seine Evolution zurückzuführen in eine Involution, denn Befreiung kann nur innen geschehen.

F: Das heißt, die ”Innere Arbeit”, wenn ich dich jetzt richtig verstanden habe, ist notwendig, um die Aufmerksamkeit des Schülers wieder nach innen zu richten und es ihm zu ermöglichen, vollständig mit dem zu sein, was auftaucht.

OM: In Wirklichkeit geht es nicht darum mit dem zu sein, was auftaucht, sondern mit dem zu sein, was IST. Aber wer versteht das? Das wäre, als wenn ich dich jetzt lehren würde: Das Sein ist das Sein und die Lehre ist abgeschlossen. Kannst du das verstehen?

F: Ich kann es nicht verstehen. Mit dem Verstand brauche ich das ja auch nicht zu verstehen.

OM: ”Innere Arbeit” dient nicht der Vorbereitung auf ein besseres Leben in der Zukunft, was die Vollkommenheit dieses Momentes verleugnet. Ist es nicht paradox, daß die Vollkommenheit des Absoluten sich im Relativen ständig selbst vervollkommnet? ”Arbeit” ist ein anderer Begriff für das Werk, das Lebenswerk, Gottes Werk. Arbeit geschieht, auch wenn ”Ich” nicht arbeite. Deshalb spreche ich nicht davon, daß Menschen ”Innere Arbeit”” tun müssen, sondern daß sie lediglich aus dem Wege treten müssen, damit sie geschehen kann. Tun geschieht im Nicht-Tun.

 ”Innere Arbeit” ist eine Entsprechung von ”äußerer” Arbeit. Sie geschieht vor, während und nach der Erleuchtung. Wenn ich mit Menschen ”Innere Arbeit” mache, dann ist das der Katalysator eines Werdeprozesses, der sowieso geschieht. Wenn ein Lehrer also die Aussage macht, ”Innere Arbeit” sei sinnlos oder nicht nötig, so spricht das von einem nicht vollkommenen Verständnis. Wenn ein Lehrer die Aussage trifft, ”Innere Arbeit” sei zwingend notwendig, um Erleuchtung zu erlangen, so spricht das ebenso von einem begrenzten Verständnis. Richtig ist nicht entweder / oder. Richtig ist beides.

Die ganzheitliche Lehre, die Seinsschulung, besteht aus zwei scheinbar vollkommen widersprüchlichen Bestrebungen. Die eine nenne ich die Philosophie des Seins und die andere die Philosophie des Werdens. Erstere zeigt sich sehr stark in östlichen Annäherungen, letztere in den westlichen. Es gibt wenige Schulen, in der sich die Vollkommenheit und die Ganzheit, die Synthese dieser Bestrebungen widerspiegelt. Entweder zeigt sich durch bestimmte Lehrer oder Schulen nur das Verständnis und die Weitergabe der Philosophie des Seins oder durch andere lediglich die Philosophie des Werdens. Da wir es aber mit einem Paradoxon zu tun haben, kann weder die eine noch die andere Seite das vollkommene Verständnis vermitteln. In der Geschichte der Zentradition stritten sich immer wieder Meister der Rinzai- und der Sotoschule darüber, ob Erwachen plötzlich sei, oder ob es ein Prozeß sei. Jede Schule betonte den vermeintlich gegensätzlichen Aspekt. Eine Seinsschule, der beide Philosophien zugänglich sind, stellt das höchste Potential der Erkenntnis zur Verfügung. Und genau an diesem Verständnis mangelt es manchen Satsang-Lehrern. Ich beziehe mich immer wieder auf ein Zitat von Nisargadatta: ”Wisse zunächst, wer du nicht bist, bevor du wissen kannst, wer du bist.“

Ein Schüler kommt zu einem Advaitalehrer und hört die Worte: Du bist schon erleuchtet, du bist frei und es gibt nichts zu tun. Der logische Verstand, der glaubt, diese Worte zu verstehen, macht daraus das Konzept, daß ”Innere Arbeit” nicht notwendig sei. Er nutzt dann dieses Konzept, um sich zu schützen und sich nicht vollkommen auszusetzen, diesem wirklich heißen und zeitweilig unbequemen Feuer der persönlichen Begegnung mit einem Lehrer in ”Innerer Arbeit”. Diese ”Innere Arbeit” ist zwangsläufig auch der natürliche und selbstverständliche Weg durch die dunkle Nacht der Seele, den jeder Suchende sowieso vor sich hat. Es spielt gar keine Rolle, ob das real ist oder nicht. Ich hole den Geist in seinem Verständnis genau dort ab, wo er sich aufzuhalten glaubt. Ob derjenige dort wirklich ist oder nicht, ist völlig uninteressant. Es ist eine Begegnung in der Nicht-Realität. Der Lehrer begibt sich bewußt in die Unbewußtheit, um dort dem Schüler zu begegnen, und jeder Schüler braucht eine andere Begegnung, weil jeder Geist in einer anderen Stufe von Nicht-Realität lebt.

F: Lehrer wie Ramana Maharshi, Shri Poonjaji oder Ramesh Balsekar haben diese Form von ”Innerer Arbeit”, wie du sie beschreibst, mit ihren Schülern nicht gemacht.

OM: Die klassisch indischen Lehrer des Advaita Vedanta sind nicht daran interessiert, auf Ebenen der Nicht-Realität einzugehen. Sie deuten direkt auf das Absolute, auf das SELBST, auf Brahman, die einzige Realität. Sie verstehen nichts von Psychologie, von der Lehre der Illusionen und sie interessieren sich nicht dafür. Ramesh verweist die Menschen an einen Therapeuten, wenn persönliche Probleme in den Vordergrund treten.  Die reine Advaita Lehre ist für die meisten westlichen Suchenden ineffektiv und nicht ausreichend, sie erreicht wenige wirklich, weil sie die Emotionalität des Suchenden nicht einbezieht. Um diesen Ebenen der Emotionalität überhaupt begegnen zu können, bedarf es des Verständnisses über die Funktionsweise und die Inhalte des denkenden Geistes. Wenn dieses Verständnis durch verschiedene psychologische und esoterische Lehren nicht vorhanden ist, dann kann der Lehrer auf diese Ebenen nicht eingehen. Die vollständige Seinslehre ist eine Begegnung der Nicht-Lehre von advaita mit den Lehren des dvaita (=Zweiheit, d.h. Vielheit), oder, wie ich es vorher beschrieben habe: Die Philosophie des Seins und die Philosophie des Werdens begegnen sich. Himmel und Hölle, Leere und Liebe feiern die große Hochzeit und offenbaren das Geschenk allumfassender Erkenntnis, die nichts ausschließt. In den heiligen Schriften steht es in diesen Worten: Der Meister machte drei Aussagen: 1. Nur Buddha ist wirklich. 2. Die Welt ist unwirklich. 3. Buddha und die Welt sind eins.

F: Ist ”Innere Arbeit” ein Äquivalent zu indischen Sadhana, d.h. religiöse Praktiken, wie zum Beispiel Poonjajis Krishna-Verehrung?

OM: ”Innere Arbeit” ist westliches Sadhana! Die Psychologie hat bei uns im Westen nichts anderes getan als die Funktion der Religion zu übernehmen. Das was christliche Suchende früher in christlichen Praktiken getan haben, wird heute durch Therapeuten erledigt. Die Therapeuten sind die selbst nicht ganz freiwilligen Priester einer überkonfessionellen Religion, die den Suchenden in dem Prozeß der ”Inneren Arbeit” beistehen. Nenne es religiös, ja, es ist religiös.
Therapeutische Arbeit befaßt sich aber nicht unbedingt mit spirituellem Erwachen, sondern beschränkt sich eher auf die Durchleuchtung ungelöster geistiger Inhalte oder emotionaler Konflikte.

Ich mache den Unterschied zwischen kleiner Selbsterforschung und großer SELBSTerforschung. ”innere Arbeit” entspricht der kleinen Selbsterforschung. Die kleine Selbsterforschung ist die Erforschung des denkenden Geistes von sich selbst. Konzepte erforschen Konzepte. Gedanken erforschen Gedanken. Das ist die Psychologie. Sie forscht ausschließlich in dem, was ein Mensch nicht ist. Die kleine Selbsterforschung ist also die Erforschung des Nicht-Selbst.
Wenn der Zustand primärer Illusion – wie ich das vorher genannt habe - wieder erreicht ist, können Gedanken überhaupt erst als Gedanken wahrgenommen werden.

Die große SELBSTerforschung ist nicht an Gedanken interessiert. Sie ist ausschließlich daran interessiert, den ewigen Quell dieses einen Gedankens zu erkennen, denn dieser Quell ist der Quell eines jeden wahrgenommenen Objektes, also der ganzen Welt. Ich mache kein Konzept daraus, wie lange kleine Selbsterforschung als Vorbereitung für die Große zu geschehen hat.  Sie schließen sich nicht aus. Kleine Selbsterforschung geschieht in der Zeit. Die Große nicht. Sie geschieht jetzt.